Asymptotic safety


Die Relativitätstheorie basiert auf dem Relativitätsprinzip von Galileo. Hier ist Raum, Fragen zur Relativität zur diskutieren.

Anti-Neutron

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Beitrag Fr 9. Sep 2016, 04:23

Solkar hat geschrieben:$R^{(0)}$ klebt nach der Bemerkung oberhalb von [Reu98](2.14) nur oben und unten fest, [Reu98](2.14) ist nur eine mögliche Wahl. Warum die $g_{k}, \lambda_k$ in [Reu98](4.38), (4.43) jetzt durch den Umweg über die Maßintegrale in {Reu98} (4.32) invariant gegenüber Deformationen der $R^{(0)}$ Interpolation werden sollten, erschließt sich mir zumindest für generelle $n = d/2$ noch nicht.

Anstatt solche Details zu untersuchen verlinke ich lieber einen Übersichtsartikel: http://relativity.livingreviews.org/Art ... rr-2006-5/
Freundliche Grüße, B.

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Beitrag Fr 9. Sep 2016, 09:20

Re: Asymptotic safety

TomS hat geschrieben:
Timm hat geschrieben:Jetzt mal weg von AS und LQG. Ist es prinzipiell denkbar, daß zwei nicht äquivalente Theorien ART und QT zu einer Quantengravitation vereinigen, sodaß erstere der klassische Grenzfall ist?
Mir ist nicht klar, was "Wahlfreiheit" mit Physik zu tun hat.

Stopp.

Irgendwie liegt hier eine Begriffsverwirrung vor.

ART und QT sind nicht inäquivalent, sondern (in einer bestimmten Formulierung) inkompatibel.


Mea culpa, ich hätte schreiben sollen, "daß zwei nicht äquivalente Theorien die ART und und die QT zu einer Quantengravitation vereinigen, ...". Klar sind ART und QT inkompatibel und nicht inäquivalent. Nochmal anders, angenommen zwei Theorien (i) vereinigen die ART und die QT (beide mathematisch konsistent vorausgesetzt). Ist es prinzipiell denkbar, daß die Theorien (i) nicht äquivalent sind?

Nach mM bedeutet nicht-äquivalent eine andere Physik.

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Beitrag Fr 9. Sep 2016, 11:13

Re:

Bernhard hat geschrieben:
Solkar hat geschrieben:$R^{(0)}$ klebt nach der Bemerkung oberhalb von [Reu98](2.14) nur oben und unten fest, [Reu98](2.14) ist nur eine mögliche Wahl.[...}

Anstatt solche Details zu untersuchen verlinke ich lieber einen Übersichtsartikel: http://relativity.livingreviews.org/Art ... rr-2006-5/

Also anders gesagt: Du weißt es auch nicht.
Danke!

---

Nur wird es mehr Papier hier nicht zwangsläufig richten.

Wir haben hier das prinzipielle Problem, dass, im Ggs. zur QCD, nicht eine, sondern zwei Kopplungskonstanten zu bewegen sind, und zwar entlang einer festzulegenden, mit $k$ zu parameterisierenden Bahn zwischen zwei Punkten im $G\,\times\, \Lambda$ Raum. Es geht also nicht nur um die affine Parameterisierung einer gegebenen Bahn, sondern es geht auch darum, wo die Bahn zwischen $\vec{x}$ nach $\vec{y}$ eigentlich entlangläuft

Eigentlich schon vom Setup her klar, oder?

---

Wenn Du also mit einem weiteren 173 Seiten daherkommst, dann möchte ich Dich bitten, doch zumindest herauszuarbeiten, wo und wie dort das aktuelle Problem behandelt wird.
FYI - die Probleme mit dem $R^{(0)}$-"Detail" sind in dem von Dir verlinkten Paper [NR06] auf pp.106 - 109(oben) beschrieben.

---

Meine Auffassung, dass die $R^{(0)}$-Spezifika eben nicht durch [Reu](4.32) resp. [NR06](4.49) komplett herausgeglättet werden, war zumindest schon mal zutreffend; s. [NR06] S.108 oben
The constant $B_1(0 ) =$ [...] is $R^{(0)}$ - dependent via the threshold functions in Equation (4.49)


[NR06]Niedermaier, Max and Reuter, Martin., “The Asymptotic Safety Scenario in Quantum Gravity”, Living Rev. Relativity,9, (2006), 5. [Online Article]: cited [Sep 9th 2016],
http://www.livingreviews.org/lrr-2006-5
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Beitrag Fr 9. Sep 2016, 11:25

Re: Asymptotic safety

Timm hat geschrieben:Nochmal anders, angenommen zwei Theorien (i) vereinigen die ART und die QT (beide mathematisch konsistent vorausgesetzt). Ist es prinzipiell denkbar, daß die Theorien (i) nicht äquivalent sind?
Nach mM bedeutet nicht-äquivalent eine andere Physik.

"Äquivalent" heisst "gleichwertig". Wenn zwei Theorien exakt die gleichen Werte vorhersagen, dann sind sie äquivalent.
Wenn sie keine Werte vorhersagen, sind sie wertlos.
Wenn sie die falschen Werte vorhersagen, sind sie falsch.

Und wenn sie nur marginale Effekte beschreiben, die unterhalb jeder Meßgenauigkeit liegen, sind sie entbehrlich.
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Beitrag Fr 9. Sep 2016, 11:59

Solkar hat geschrieben:Also anders gesagt: Du weißt es auch nicht.

Mich interessiert bei AS zuerst mal, inwieweit hier die Widerspruchsfreiheit zu experimentell abgesicherten Ergebnissen der ART gegeben ist.
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Beitrag Fr 9. Sep 2016, 12:17

Re: Asymptotic safety

Timm hat geschrieben:Klar sind ART und QT inkompatibel.

Nein, sind sie nicht. Das ist eine zu naive Behauotung, die leider weit erbreitet ist, auch unter Physikern die es eigtl. beser wissen sollten.

Inkompatibel ist nur die naive, insbs. perturbative Quantisierung der ART um den Punkt G = 0. Die AS zeigt eben gerade, dass der Punkt G = 0 nicht geeignet ist, Quantenkorrekturen zu berechnen; man benötigt eine nicht-perturbative Methoden, und die hat man, insbs. die hier diskutierte AS, die LQG, evtl. noch die CDT.

Timm hat geschrieben:Nochmal anders, angenommen zwei Theorien vereinigen die ART und die QT. Ist es prinzipiell denkbar, daß die Theorien nicht äquivalent sind?

Nach mM bedeutet nicht-äquivalent eine andere Physik.

Ja.

Zunächst würde ich nicht von "Vereinigung der ART mit der QT" sprechen, sondern von Quantisierung der ART.

Wie schon gesagt, "Quantisierung" ist nicht eindeutig. Das Versagen der pertubativen Quantisierung zwingt uns gerade, nach inäquivalenten Quantisierungen zu suchen, denn nur diese haben das Potential, nicht ebenfalls zu versagen.

Jede Quantenfeldtheorie enthält die klassische Fedtheorie (die als Ausgangspunkt gedient hat) als klassischen Grenzfall. Aber es kan durchaus inäquivalente Quantenfeldtheorien geben, die den selben klassischen Grenzfall haben (der ja nur die Näherung nullter Ordnung, d.h. hquer = 0 darstellt.

Im Zuge der Quantisierung bestehen verschiedene Wahlmöglichkeiten:
- die Felder (Einstein-Hilbert, Palatini, Ashtekar, ...); klassisch äquivalete Formulierungen sind nicht zwingend quantenmechanisc äquivakent
- der Hilbertraum sowie das Skalarprodukt auf diesem Raum (mittels dessen sich Erwartungswerte berechnen lassen)
- die Operator-Algebra (wenn diese wie im Fall der ART nicht aus klassischen Observablen abgeleitet werden kann, weil diese nicht bekannt sind)
- falls Pfadintegralquatisierung: das Maß
- falls kanonische Quantisierung die Operator-Ordnung
- die Regularisierung

Nochmal zum ersten Punkt: zwei Theorien sind klassisch äquivalent, wenn auf dem Phasenraum eine kanonische Transformation existiert die die dynamischen Variablen = Phasenraumkoordinaten ineinander überführt und dabei die Poissonklammern = die sympletische Struktur auf dem Phasenraum invariant lässt. Z.B. kannst du das Zweiteilchen-System in den jeweiligen Koordinaten (r1,p1) und (r2,p2) betrachten, oder in Schwerpunkts- und Relativkoordinaten (R,P), (r,p). In einer Quatentheorie muss entsprechend eine unitäre Transfomation existieren, die sämtliche Operatoren auf dem Hilbertraum ineinander überführt und dabei die Vertauschungsrelationen sowie das Skalarprodukt invariant lässt.

Nun sind Beispiele bekannt, wo zwar klassische Tranformationen existieren, jedoch keine unitären Transformationen in der entsprechenden Quantentheorie. Z.B. sind der sogenannte Immirzi-Parameter in der LQG sowie der theta-Parameter in der QCD klassisch irrelevant, jedoch nicht in der Quantentheorie. Klassisch treten die beiden Parameter in den physikalisch relevanten Größen nicht auf, während diverse Größen in der Quantentheorie explizit davon abhängen (z.B. tritt der Immirzi-Parameter bei der Berechnung der Entropie auf).

Ein verwandtes Beispiel sind Superselektionsregeln, die klassisch nicht existieren, weil die mathematische Struktur dies nicht zulässt. Das einfachste Beispiel ist ein freies Teilchen auf einem Kreis mit der Winkelkoordinate $ \phi \in [0,2\pi] $. In der Quantenmechanik benötigt man eine Wellenfunktion $ \psi(\phi) $ sowie eine Randbedingung für $ \phi = 0,2\pi, \ldots $. Letztere kann man schreiben als $ \phi(2\pi) = e^{i\gamma}\,\phi(0) $. Üblicherweise setzt man gamma = Null. Die resultierenden Quantentheorien sind unitär inäquivalent, da keine unitäre Transformation $U$ auf $ \phi \in [0,2\pi] $ existiert, die die Randbedingung ändern kann, da alle Operatoren und damit auch $U$ in einer Theorie die Randbedingung respektieren müssen.

Die Konstruktion des Hilbertraumes sowie des Skalarproduktes kann nicht klassisch motiviert werden. Auch hier besteht eine gewisse Wahlfreiheit. Z.B. muss nicht zwingend der L² der quadratintegrablen Funktionen gewählt werden, sondern z.B. ein Sobolev-Raum. Damit folgen jedoch andere Werte für Wahrscheinlichkeiten sowie Erwartungswerte. Nur der Erfolg der kanonischen Quantisierung und die Übereinstimmung mit der Natur bestätigt im Nachhinein, dass wir die richtige Wahl getroffen haben.

Bzgl. der Operatorordnung liegen auch nur heuristische Überegungen vor. Man quatisiere die kinetische Energie $ T \sim p^2 \to -\partial_x^2 $. Klassisch könnte man z.B. auch $ T \sim p\,x\,p\,x^{-1} = p^2 $ betrachten. Aber der Differetialoperator $ -\partial_x\,x\,\partial_x\,x^{-1} $ ist explizit inäquivalent. Wieder hilft die Symmetrie,indem man nämlich auf einer mehrdimensionalen Mannigfaltigkeit mit Metrik g fordert, dass der Laplace-Beltrami-Operator $ p^2 \to \Delta_g $ zu verwenden ist. Aber rein theoretisch könnte man auch einen anderen Operatir nehmen.

Bzgl. der Regularisierung liegen diverse Wahlfreiheiten vor. Eingeschränkt wird diese durch die Forderung nach Aomalienfreiheit für eine lokale Eichsymmerie. Nicht eingeschränkt wird diese bzgl. globaler Symmetrien. In der QED liegt z.B. die lokale Eichymmetrie U(1) vor sowie eine globale, chirale U(1) Symmetrie. Die Regularisierung muss nun so gewählt werden, dass die lokale Eichymmetrie nicht zerstört wird. Es zeigt sich, dass damit jedoch zwingend die chirale Symmetrie zerstört wird, d.h. diese entwickelt eine Anomalie. Nun kann man Theorien ohne lokale Eichsymmetrie jedoch mit verschiedenen globalen der unterschiedlch Regularisierungsmethoden wir den Vorzug geben sollen.Symmetrien konstruieren. Je nach Regularisierung kann eine der beiden Symmetrie erhalten werden, während die jeweils andere durch die Anomalie zerstört wird. Ohne Eichsymmetrie und insbs. ohne experimentellen Input ist nicht klar, für welche Regularisierung und für welche Symmetrie wir uns entscheide sollen.

All diese inäquivalenten Möglichkeiten müssen übrigens im Rahmen der LGQ untersucht werden, die ein wahres Sammelbecken für derartige Merdeutigkeiten ist. So ist bis heute (!) "der" Hamiltonoperator H der LQG nicht bekannt. Es gibt diverse Kandifaten, die alle ihre Probleme haben, und es ist natürlich nicht möglich, experimentell zu unterscheiden (da wir die Theorie nur im klassischen Grenzfall der ART kennen, und da sind alle wieder identisch).

Übrigens ist auch i.A. nicht klar, ob die Pfadintegral- und die kanonische Quatisierung äquivalent sind. Erstere wurde historisch aus letztere abgeleitet, d.h. man setzt die Existenz eines Hilbertraumes, eines Skalarproduktes sowie eine Hamiltonoperators H voraus! Nun wird teilweise ein Pfadintegral einfach postuliert, ohne dass diese Voraussetzungen erfüllt wären. Da man H in der LQG nicht kennt, postuliert man das Pfadintegral für Spin Foams. Der Beweis der Äquivalenz hängt nun offensichtlich in der Luft (und es gibt sogar explizit inäquivalente Spin Foams bzw. Pfadintegralquantisierungen). Auch die AS beginnt einfach mit einem Pfadintegral, ohne zuvor H zu konstruieren.

Gerade in der QG ohne experimentelle Guideline erhofft man sich eine Beschränkung dieser Wahlfreiheit durch die Forderung nach mathematischer Konsistenz. Es ist jedoch fraglich, ob man daraus wirklich genau eine Theorie herausfilern kann.
Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.
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Beitrag Fr 9. Sep 2016, 14:54

Re: Asymptotic safety

Solkar hat geschrieben:
Timm hat geschrieben:Nochmal anders, angenommen zwei Theorien (i) vereinigen die ART und die QT (beide mathematisch konsistent vorausgesetzt). Ist es prinzipiell denkbar, daß die Theorien (i) nicht äquivalent sind?
Nach mM bedeutet nicht-äquivalent eine andere Physik.

"Äquivalent" heisst "gleichwertig". Wenn zwei Theorien exakt die gleichen Werte vorhersagen, dann sind sie äquivalent.
Wenn sie keine Werte vorhersagen, sind sie wertlos.
Wenn sie die falschen Werte vorhersagen, sind sie falsch.

Und wenn sie nur marginale Effekte beschreiben, die unterhalb jeder Meßgenauigkeit liegen, sind sie entbehrlich.

Ja.
Was ist die Vorhersage einer Theorie der Quantengravitation? Darunter verstehe ich eine Quantentheorie, in der die ART enthalten ist, oder vielleicht besser eine Theorie, die ART und QT konsistent vereinigt. Jedenfalls sagt eine solche Theorie keine Werte hervor. Und vermutlich keine praktisch, sondern allenfalls prinzipiell messbare Effekte.

Falls es am Ende mehrere jeweils konsistente Theorien der QG geben sollte, wird unklar sein, welche die richtige ist, oder?

Oder steckt man schon in dem Dilemma nicht begründen zu können, daß es nur eine richtige QG geben kann?

Proton

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Beitrag Fr 9. Sep 2016, 15:37

Re: Asymptotic safety

TomS hat geschrieben:
Timm hat geschrieben:Klar sind ART und QT inkompatibel.

Nein, sind sie nicht.

TomS hat geschrieben:ART und QT sind nicht inäquivalent, sondern (in einer bestimmten Formulierung) inkompatibel.

Aha. Ich glaube, die Begriffsentwirrung ist uns gelegentlich schon besser gelungen.
Aber damit
TomS hat geschrieben:Inkompatibel ist nur die naive, insbs. perturbative Quantisierung der ART um den Punkt G = 0. Die AS zeigt eben gerade, dass der Punkt G = 0 nicht geeignet ist, Quantenkorrekturen zu berechnen; man benötigt eine nicht-perturbative Methoden, und die hat man, insbs. die hier diskutierte AS, die LQG, evtl. noch die CDT.

hast Du mir zumindest eine Ahnung vermittelt.

TomS hat geschrieben:
Timm hat geschrieben:Nochmal anders, angenommen zwei Theorien vereinigen die ART und die QT. Ist es prinzipiell denkbar, daß die Theorien nicht äquivalent sind?

Nach mM bedeutet nicht-äquivalent eine andere Physik.

Ja.

Danke für die klare Aussage. Wie fischt man die "richtige" QG heraus, falls es mehrere unabhängige (nicht äquivalente) Theorien gibt?
Sollten mehrere unabhängigeTheorien sich durch Details ihrer Vorhersagen unterscheiden?

TomS hat geschrieben:Gerade in der QG ohne experimentelle Guideline erhofft man sich eine Beschränkung dieser Wahlfreiheit durch die Forderung nach mathematischer Konsistenz. Es ist jedoch fraglich, ob man daraus wirklich genau eine Theorie herausfilern kann.

Dann bleibt das Prinzip Hoffnung nur eine möge mathematisch konsistent sein.

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Beitrag Fr 9. Sep 2016, 16:24

Hallo Timm,

Timm hat geschrieben:Dann bleibt das Prinzip Hoffnung nur eine möge mathematisch konsistent sein.

mach es Dir doch nicht so schwer. Die zu findende QG muss die gleichen Kriterien, wie jede andere ernst zu nehmende Theorie erfüllen. Wie bei jeder Suche, gibt es auch hier offenbar verschiedene Ansätze und Ergebnisse. Man wird das alles wieder und wieder am Experiment und anhand der Logik überprüfen müssen. Im Extremfall können dann zwei oder mehrere äquivalente Theorien übrigbleiben, die dann aber ineinander transformierbar sein sollten. Man kennt das bereits aus der Quantenmechanik. Die Schrödingersche Mechanik und die heisenbergsche Mechanik sind äuivalente Theorien. Sie machen bezüglich aller denkbarer Experimente exakt die gleichen Vorhersagen. Ist dieses Kriterium nicht erfüllt hat man unterschiedliche Theorien und dann sind eben die Experimentalphysiker gefragt, um heraus zu finden, welche Theorie die Realität richtig beschreibt.
Freundliche Grüße, B.

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Beitrag Fr 9. Sep 2016, 18:29

Re: Asymptotic safety

Timm hat geschrieben:Was ist die Vorhersage einer Theorie der Quantengravitation?

Im Moment genügt es offensichtlich (s. diesen Thread), dass sie die Werte der ART, die man hart hineineicht, tatsächlich auch zurückliefert.
Also anders gesagt - sie hat keine Vorhersagekraft.

Timm hat geschrieben:Falls es am Ende mehrere jeweils konsistente Theorien der QG geben sollte, wird unklar sein, welche die richtige ist, oder?

Nein, es wird darauf hinauslaufen, dass beide Theorien zu glauben sein werden.
Physiker, die das nicht tun, werden dann als wissenschaftliche Aussenseiter abgetan werden und der zweifelnde forschungsfördernde gemeine Steuerzahler wird kurzum als zu blöd erklärt werden, um zu erkennen, warum die Theorien so spannend sind.

Timm hat geschrieben:Oder steckt man schon in dem Dilemma nicht begründen zu können, daß es nur eine richtige QG geben kann?

Ich denke, man steckt eher in dem Dilemma, dass bereits Forschungsmittel darauf verwandt wurden, ein Gespenst zu jagen, und man nicht mehr zurück kann.

In der ART ist Gravitation nicht Kraft, sondern Geometrie. Und das Teilchen, das die Kraft, die es eben nicht gibt, vermittelt, versucht man halt zu finden.
So what? :D
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Beitrag Fr 9. Sep 2016, 19:23

Solkar hat geschrieben:Und das Teilchen, das die Kraft, die es eben nicht gibt, vermittelt, versucht man halt zu finden.

Momentan verstehe ich AS anders. Nimmt man ganz trivial eine Abstandsabhängigkeit von G in gewissen Bereichen an, hätte man auch eine Möglichkeit die Dunkle Materie ohne zusätzliche Teilchen zu erklären. Alleine diese Frage zu klären, ist es wert darüber nachzudenken. Die Quantisierung der zugehörigen Theorie scheint davon relativ unabhängig zu sein. Damit ergeben sich sehr viele Freiheitsgrade, weswegen ich mich aktuell auch eher für Übersichtsartikel zum Thema AS interessiere, um die grundlegenden Ideen und Möglichkeiten zu verstehen.
Freundliche Grüße, B.

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Beitrag Fr 9. Sep 2016, 19:26

Solkar hat geschrieben:und man nicht mehr zurück kann.

Es wäre nicht das erste Mal, dass man einen Ansatz, bzw. ein komplettes Forschungsprogramm verworfen hätte.
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Beitrag Fr 9. Sep 2016, 21:15

Re:

Bernhard hat geschrieben: mach es Dir doch nicht so schwer.

Danke für den guten Rat.
Bernhard hat geschrieben: Sie machen bezüglich aller denkbarer Experimente exakt die gleichen Vorhersagen. Ist dieses Kriterium nicht erfüllt hat man unterschiedliche Theorien und dann sind eben die Experimentalphysiker gefragt, um heraus zu finden, welche Theorie die Realität richtig beschreibt.

Das wird bei der QG wohl leider nicht funktionieren. Und Selbstkonsistenz als Kriterium für "richtig" erscheint mir auch ziemlich dünn.

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Beitrag Fr 9. Sep 2016, 21:47

Re: Asymptotic safety

Solkar hat geschrieben: Nein, es wird darauf hinauslaufen, dass beide Theorien zu glauben sein werden.

Shut up and believe? Gibt es denn gar kein Theorem, demzufolge von zwei konsistente Theorien, die dasselbe Problem lösen (Unverträglichkeit von ART und QT) und die nicht äquivalent sind, nur eine richtig sein kann?
Solkar hat geschrieben:In der ART ist Gravitation nicht Kraft, sondern Geometrie. Und das Teilchen, das die Kraft, die es eben nicht gibt, vermittelt, versucht man halt zu finden.

So habe ich das noch nicht gesehen. Im Rahmen der String-Forschung gab es vor einiger Zeit Euphorie, als die Mathematik ein Teilchen ausspuckte, das dem Graviton zuzuordnen war. Aber eine Vorhersage ist das wohl kaum, dazu steht die Stringtheorie (besser Hypothese) auf zu wackligen Füßen.
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Beitrag Sa 10. Sep 2016, 06:20

Re: Asymptotic safety

Timm hat geschrieben:Was ist die Vorhersage einer Theorie der Quantengravitation? Darunter verstehe ich eine Quantentheorie, in der die ART enthalten ist, oder vielleicht besser eine Theorie, die ART und QT konsistent vereinigt. Jedenfalls sagt eine solche Theorie keine Werte hervor. Und vermutlich keine praktisch, sondern allenfalls prinzipiell messbare Effekte.

Man erwartet Vorhersagen, wie diverse Singularitäten vermieden werden.

Quantitative Vorhersagen wären:
- eine Zustandsgleichung für schwarze Löcher, Entropie, Korrekturen zur Hawkingstrahlung, ...
- eine Zustandsgleichung für den Urknall, daraus folgende Spektren von primordialen Gravitationswellen, Inflation, ... (*)
- Streuung von (insbs. hochenergetischen) Gravitonen
- evtl. Verletzung der Lorentz-Invarianz, Korrekturen zu Dispersionsrelationen (*)

All dies ist zunächst praktischen Experimenten nicht zugänglich, evtl. mit Ausnahme von (*)

Timm hat geschrieben:Shut up and believe? Gibt es denn gar kein Theorem, demzufolge von zwei konsistente Theorien, die dasselbe Problem lösen (Unverträglichkeit von ART und QT) und die nicht äquivalent sind, nur eine richtig sein kann?

Nein, ein derartiges Theorem gibt es nicht. Letztlich kann nur das Experiment entscheiden.

Timm hat geschrieben:Und Selbstkonsistenz als Kriterium für "richtig" erscheint mir auch ziemlich dünn.

Na ja.

Zunächst mal glaubten die Physiker jahrzehntelang, dass beide Theorien nie zusammengehen würden. Dann gibt es in jeder Theorie massive Konsistenzprobleme, die man oft erst nach Jahren auf genau eine Weise überwinden kann. Selbstkonsistenz ist vor eine fundamentale Theorie schon ein sehr starkes Kriterium.

Um das ganz klar zu sagen: die Arbeit an der Quantengravitation stellt in gewisser Weise einen Paradigmenwechsel dar. Die mathematische Konsistenz der Theorie rückt stärker in den Fokus, die experimentelle Testbarkeit tritt zurück. Es ist nicht so, dass die Physiker dies nicht bedauern würden, aber zunächst sind eben mathematische Probleme zu lösen, erst später prinzipiell und evtl. nie praktisch zugängliche experimentelle Tests zu betrachten. Das stellt höhere Anforderungenan die Seriosität der Wissenschaftler. Nach allem was ich - nachdem ich seit Jahren nicht mehr in der Forschung arbeite und lediglich noch Kontakt zu ex-Kollegen halte - sehe, wird man dem auf unterschiedliche Weise gerecht (wir können demnächst mal die LQG diskutieren; ich habe ein Recht neues Paper zur Einführung, in dem dem viele mögliche Knackpunkte sehr offen angesprochen werden).

Alle Theorien zur Quantengravitation, die ich bisher gesehen habe, haben noch große weiße Flecken - von der grundsätzlichen Formulierung (es gibt keine fundamentale Gleichung, die die Stringtheorie beschreibt) über mathematische Konsistenz (Anomalienfreiheit in der LQG) bis hin zu prinzipieller Testbarkeit (gilt für alle). Wenn man diese Situation nicht erträgt, sollte man sich von diesen Forschungsgebieten fernhalten, aber man sollte sie dennoch zulassen
Zuletzt geändert von TomS am Sa 10. Sep 2016, 08:00, insgesamt 1-mal geändert.
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