Atomkraft, kein physikalisches Thema


Hier ist Platz für alle physikalischen Themen, die nicht so recht in die obigen Kategorien passen. Legt hier gerne neue Themen an, bei deren Einordnung ihr unsicher seid. Wir verschieben sie dann an den richtigen Platz.

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langlebiges Kaon

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Beitrag Mi 9. Jan 2013, 09:18

Atomkraft, kein physikalisches Thema

Hallo Freunde,
ich habe mit ein paar Twitter-Freunden ein neues Blog eröffnet und da mal einen Beitrag zur Atomkraft verfasst: Am Pol ohne Atomstrom

Meine These ist, dass wir die Frage, ob wir Atomkraftwerke wollen oder nicht, nicht auf technische Argumente reduzieren können, weil viele Aspekte so komplex sind, dass auch die Experten keine 100% sicheren Abschätzungen machen können. Der Atomausstieg ist ein Experiment mit ungewissen Erfolgschancen. Aber meines Erachtens ein lohnendes.

Was meint ihr?

Gruß´,
Joachim

Ich

Anti-Proton

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Beitrag Fr 11. Jan 2013, 20:20

Re: Atomkraft, kein physikalisches Thema

Ich meine, dass man in Deutschland nicht über Atomkraft diskutieren kann. Das ist fast noch emotionaler und surrealer als Diskussionen über Homöopathie.
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langlebiges Kaon

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Beitrag Fr 11. Jan 2013, 21:14

Re: Atomkraft, kein physikalisches Thema

Hallo Ich,

Ja, in vielerlei Hinsicht hast du recht. Ich werde dennoch nicht locker lassen, ab und an mal die panischen, übertreibenden Berichte aus der Presse zu kommentieren. So wie hier zum Beispiel. Es wäre viel gewonnen, wenn Radioaktivität etwas realistischer eingeschätzt würde.

Gruß,
Joachim

Ich

Anti-Proton

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Beitrag So 13. Jan 2013, 21:41

Re: Atomkraft, kein physikalisches Thema

Hallo Joachim,

exzellentes Beispiel. Nehmen wir die 6,6 Billiarden Becquerel.

Zahlen brauchen Kontext, und es ist Aufgabe des Journalismus, diesen bereitzustellen. Bei Reaktoren ist der Kontext natürlich ihre Leistung. Nehmen wir mal ~1Mev/s pro Becquerel, dann kommen wir auf etwa 1 kW thermische Leistung. Bei einer installierten Leistung von etwa 300 MW bedeutet das, dass die Dinger mit etwa 0,0003 % ihrer Nennleistung "nachglühen". Eine sehr unspektakuläre Nachricht, wenn der Kontext passt: Reaktorleistungen misst man in W, und das typische Präfix ist M, und da drin ist ein inaktiver Reaktor, der wurde also offensichtlich runtergefahren.

"Becquerel" haben einen anderen Kontext, zumindest in der deutschen Öffentlichkeit: darin misst man die unerwünschte Radioaktivität von z.B. 100 g Pfifferlingen. Die zugehörigen Zahlen liegen bei "verstrahlter" Ware im Bereich einiger hundert. 6,6 Billiarden davon sind also zu assoziieren mit gespenstisch blau leuchtenden Rahmschwammerln und imminentem Weltuntergang.

Diese "Vertauschung" des Kontextes ist allerdings m. E. keineswegs auf reine Inkompetenz zurückzuführen. Vielmehr bin ich überzeugt, dass die betreffenden Journalisten sehr wohl absichtlich die riesige, ungeeignete Zahl verwenden, um in der Leserschaft den Eindruck zu vermitteln, in diesem U-Boot läge eine unüberschaubar große Zahl von ATOMEN.
Was das gewünschte Gruseln auslöst und den Punkt einmal mehr untermauert, dass man mit diesem Teufelszeug ein für allemal Schluss machen sollte.

p.s.: Um mich nicht der gleichen Unredlichkeit schuldig zu machen, hier noch eine Erläuterung: Das eine ist thermische Leistung eines Reaktors, das andere sind unkontrolliert in die Umwelt ausgetretene volatile radioaktive Stoffe, die irgendwann von Menschen (oder wegen mir allgemein Lebewesen) aufgenommen werden. Beides hat relativ wenig miteinander zu tun, dazwischen stehen viele Fragen: wieviel dieser Becquerel sind tatsächlich löslich, ein Tausendstel, Millionstel, Milliardstel? Über welchen Zeitraum kann das Zeug freigesetzt werden, wenn überhaupt, 10, 100, 10000 Jahre? Wieviel der volatilen Stoffe ist dann überhaupt noch vorhanden? Dann erst komme deine Rechnungen: was bedeutet es, wenn sounsoviele Becquerel in ein Nordpolarmeer (Achtung, Kontext: dessen Masse ist erheblich größer als 100 g!) freigesetzt werden? Du hast nur diskutiert, was bei den 6,6 Billiarden passiert. Was passiert aber, wenn (um auch mal mit ökonomischen Zahlen um mich zu werfen: zumindest im Mittel vielmilliardenfach wahrscheinlicher -) gerade mal eine Million von den Dingern pro Stunde austritt, weil's an effizienten Verteilungssystemen mangelt? Das Wasser muss ja nicht nur erstmal rein in den Reaktor, es muss ja auch wieder raus und was mitnehmen von dem Zeug.

Ich bin also durchaus im Recht, wenn ich Reaktorleistung nicht einfach so mit verstrahlten Lebensmitteln gleichsetze. Ein guter Journalist würde da auch zumindest zögern. Dann hätte er allerdings keinen Markt mehr zu bedienen, weil es nach der Merkelschen Energiewende keine öffentliche Stimme mehr gibt, die DAS ATOM nicht ausschließlich als grauenvollen Archetypen menschlicher Hybris sieht. Was ein Aton in Wirklichkeit so ist, interessiert nicht.

Myon

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Beitrag Di 15. Jan 2013, 00:29

Re: Atomkraft, kein physikalisches Thema

Es gibt eigentlich nur wenige wesentliche Punkte, die unsere weltweite Atomindustrie gefährlich machen.
Die Habgier bzgl. AKW – und Atommüllgeschäfte, insbesondere China und Russland, die für AKWs Plutonium statt Uran verwenden.
Höhere Macht, besonders eine drohende nächste Eiszeit, die einzigste Variante, in der sich D.N.A.- gefährdendes Plutonium usw. ungehindert unter einer km dicken Eisdecke ausbreiten kann.

Verwirrende Zahlen, das ist nicht neu, anstatt einmal zu erklären, in verständlichen Worten, z.B.:
Der Fall Tschernobyl. Um ganz Bayern zu verseuchen hat ein Fingerhut von diesem Material genügt.
Um Yellow Cake zu gewinnen, mit Millionen m³ Radongas strahlende Abraumhalden, die nicht als Atommüll eingestuft werden.

Was nützt es da, wenn da andere Atomstaaten das lieben Saubermann zum Besten geben?

Ein Hohn, dies für jede Diskussion der Grundlage entbehrt. Deshalb jeden zu einer Witzfigur macht.
Die Etikette hat verspielt, denn den Verantwortlichen läuft die Zeit davon, das steht im Zenit der Tatsachen. Die Fakten sind unverkennbar, eine internationale Angelegenheit, als Problem. Eher eine Gefahr, die nicht mehr gelöst werden kann, nicht mehr gelöst wird.
Nicht nur ein Hohn. Ein internationaler Eklat.

Sich da trotzdem positive Details herauspicken ist um so irrwitziger. :shock: :? :evil:
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langlebiges Kaon

Beiträge: 476

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Wohnort: Schleswig-Holstein

Beitrag Di 15. Jan 2013, 11:03

Re: Atomkraft, kein physikalisches Thema

Hallo solomio,

Die Diskussion von Details ist aber der Witz dieses Forums. Wenn du nur allgemeinen Weltschmerz und dumpfe Enttäuschung über Politik, Gesellschaft und das ganze Weltsystem ausdrücken möchtest, ist das hier einfach nicht der richtige Ort.

Gruß,
Joachim

Myon

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Beitrag Di 15. Jan 2013, 12:55

Re: Atomkraft, kein physikalisches Thema

Habe wesentliche Details aufgezählt.
D.N.A. zerstörendes Plutonium ist einer der höchsten Giftstufen.
Ich zweifle daran, dass es Willkür sein darf darüber zu entscheiden, darüber hinweg zu täuschen.
Auch das ist ein Detail.

Meine Frage:
Ob dies auch für die Wissenschaft gelten sollte?

Eine grundlegende Frage.
Verantwortung mit
.. allgemeinen Weltschmerz und dumpfe Enttäuschung über Politik, ...
gleichsetzen, das mag eine andere Sache sein, darüber möchte ich keineswegs diskutieren.

In der Wissenschaft werden erste Weichen gestellt, eine schwierige Situation, wenn 2. Personen darüber entscheiden.
Der Wissenschaft trifft so gesehen keine Schuld, es geht mir jedoch nicht um die Schuldfrage.

Wie soll das gelöst werden?
Kritik oder Befürwortung, dies kann nichts es an dem wesentlichsten makaberen Detail ändern.

Lösungen sind um so gefragter.

Myon

Beiträge: 108

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Beitrag Di 15. Jan 2013, 18:56

Re: Atomkraft, kein physikalisches Thema

Dass Atomkraft kein physiklisches Thema ist, das liegt möglicherweise daran, dass der Mensch nicht reif genug dafür ist. Quasi Verantwortliche auf Kosten von der Wissenschaft < den Karren in den Graben fahren >, um nicht deutlicher zu werden.

Fazit
Würde es eine Lösung geben, den Atommüll unschädlich zu machen, dann bräuchte man theoretisch genauso viele Anlagen dafür, wie es AKWs existieren.
Die Frage:
Würden China und Russland und sogar die anderen Atomstaaten dann erst recht um so mehr Atommüll produzieren, sogar noch mehr AKWs bauen?

Dass dies eine reale Frage ist, das ist um so makabrer, beweist, dass es Unverantwortlichkeit in der ultimativen Form existiert, in den höchsten Ebenen.

Die Frage:
Dann es durchaus realistisch wäre eine Lösung nicht zu verraten?

langlebiges Kaon

Beiträge: 444

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Beitrag Mo 25. Mär 2013, 17:33

Re: Atomkraft, kein physikalisches Thema

Ich hat geschrieben:Ich meine, dass man in Deutschland nicht über Atomkraft diskutieren kann. Das ist fast noch emotionaler und surrealer als Diskussionen über Homöopathie.

Das seh ich ähnlich.

Nach Fukushima gab es Deutschland gefühlte 80 Mio. Experten für Kerntechnik, Wiederaufbereitung und Hochspannungstechnik.
Und mindestens ebensoviele Strahlenmediziner und Katastrophenforscher.

Anti-Neutrino

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Beitrag Fr 30. Mai 2014, 14:31

Re: Atomkraft, kein physikalisches Thema

Hallo Joachim,

ich würde dazu so fragen.
Was sind wir bereit zu akzeptieren?

Wenn wir keine Kernkraftwerke der 3.Generation wollen, was wollen wir dann?
Windparks, AKW 4. Generation, Laufwellen-Transmutationskraftwerke, Kohlekraftwerke, Höchstspannungsleitungen, Biogas... ?

Wollen wir dezentrale Kernfusionkraftwerke mit KWK?
Ich stelle dazu auf der iENA 2014 ein Kernfusionsreaktorkonzept vor.

Gruß,
Jens

wjl

Anti-Myon

Beiträge: 131

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Wohnort: zwickau in Sachsen

Beitrag Di 10. Jun 2014, 15:33

Re: Atomkraft, kein physikalisches Thema

Das Wohl der Bürger auf dem Weg zum Gewinn geopfert.
Ist der Gewinn auch nur ein Opfer wert?
War es eine Mode in Atomkraft zu investieren, weil auch Wissen nebenbei als Gewinn lockte?

Anti-Neutrino

Beiträge: 33

Registriert: Sa 11. Jan 2014, 14:51

Wohnort: Dessau-Rosslau

Beitrag So 15. Jun 2014, 08:25

Re: Atomkraft, kein physikalisches Thema

Hallo wjl,

die Menschheit sucht nach der optimalen Energielösung mit der Versuch und Irrtummethode.
Das Gewinnstreben der Stromkonzerne hatte einen erheblichen Einfluss bei Suche.
Wenn wir gelernt haben, werden witr alle gewinnen.
Wissen braucht Zeit und Geduld.
Habe also Geduld mit den Menschenkindern. ;)

Gruß,
Jens

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